Der Ausstieg: als ich meinen Glauben an mich nicht losgelassen habe

Datum

23.10.2026

Lesezeit

7 Minuten

Kategorien

Persönliche Einblicke, Selbstführung

Als ich mit Anfang zwanzig die jüngste Kundalini-Yoga-Ausbilderin weltweit werden sollte, hat das mein Ego ordentlich gepimpt. Ich war jung, ich war begeistert, und ich wurde gesehen. Mein Ego hat mich so verblendet, dass ich dabei war, das Wichtigste zu verraten: mich selbst.

Ich erzähle diese Geschichte, weil ich glaube, dass fast jede von uns irgendwo einen Ort kennt, an dem sie mehr gibt, als gut für sie ist. Und weil der Weg hinaus selten so aussieht, wie wir ihn uns vorstellen.

Wie landet man in der Fremdbestimmung, wenn man sich selbst sucht?

Ganz leise. Ich hatte mich selbst gesucht und war in der Fremdbestimmung gelandet. In der Yoga-Szene habe ich damals viele Menschen getroffen, die meine Gedanken teilten, und wir fühlten uns wunderbar verstanden. Ach, was für eine schöne Blase. Heute sehe ich darin ein Gefängnis, in das wir uns selbst einschließen und andere ausschließen. Mein Tun und mein Engagement nährten ein System voll Missbrauch und Ausbeutung, und ich habe es lange nicht sehen wollen.

Mein Verstand hämmerte viele heroische Erklärungen und versuchte, mich einzulullen. Es sei eben ein Weg der Hingabe. Es gehöre dazu. Später werde sich alles fügen. Und der Preis, alles aufzugeben, erschien mir einfach zu hoch. Fremdbestimmung sieht selten nach Zwang aus. Sie sieht nach Zugehörigkeit aus, nach Anerkennung, nach einem Platz, an dem endlich jemand sagt, dass du besonders bist.

Was hat mir der Spiegel gezeigt?

Die Gemeinschaft und meine Lehrer feierten meine Bedingungslosigkeit. Doch abends vor dem Spiegel schaute ich allein in meine leeren Augen. Ausgerechnet ich, die sich als Kind so vor den leeren Augen der Erwachsenen gefürchtet hatte. Ich wusste: Dafür bin ich nicht aufgebrochen.

Diese einsamen, stillen, ja, aufrichtigen Momente ließen eine Entscheidung in mir reifen. Abbruch. Ausstieg. Ich muss mit mir leben und mit mir alt werden.

Zum Glück war meine Blase in sich so krank, dass ich ausgestiegen bin. Ich hatte schon meinen inneren Norden, und er war stärker als alle Begründungen und Erklärungen, die sich aus der Blase gegen mich richteten. Diesen inneren Norden hat jede von uns. Manchmal ist er nur leise geworden, weil wir so lange auf die anderen gehört haben.

Warum habe ich nicht alles hingeschmissen?

Erst wollte ich genau das: alles hinschmeißen und einen ganz anderen Weg gehen. Weg vom Yoga, weg von allem, was mich an diese Zeit erinnerte. Doch ich habe an mich geglaubt und an meine Anfangsintention, an das, weshalb ich überhaupt losgegangen war.

Also habe ich nicht alles hingeschmissen, aber alles infrage gestellt. Jede Übung, jedes Wort, jede Regel musste durch eine einzige Frage: Dient das der Manipulation oder der Seele des Einzelnen? Was diese Prüfung bestanden hat, durfte bleiben. Alles andere habe ich losgelassen, und es war viel.

Diese Frage begleitet mich bis heute. Ich stelle sie mir in meinem Unterricht, in meinen Ausbildungen und in meinem Leben. Ich verdanke dieser schweren Zeit mein heutiges Wissen. Das klingt vielleicht seltsam, aber ich bin dankbar für sie. Ohne sie wäre ich nicht die Lehrerin, die ich heute bin.

Was hat mich gehalten?

Mein Glaube an mich. Ich habe ihn in dieser Zeit oft kaum gespürt, aber ich habe ihn nicht losgelassen. Und ich habe gelernt, dass es sich lohnt, auch dann weiterzugehen, wenn du nicht weißt, wo du ankommst. Auch auf die Fresse fliegen ist eine Vorwärtsbewegung. Lächle. Steh auf und geh langsam weiter.

Ein Ausstieg kostet etwas. Menschen wenden sich ab, manche Türen gehen zu. Aber wenn du dranbleibst, rücken die Freunde, die dich wirklich mögen, noch näher an dich heran. Und die, die von deinem alten Muster profitiert haben, entfernen sich oder verschwinden aus deinem Leben. Feier es, auch wenn es wehtut.

Wenn du deiner Seele und deinem Selbst Ausdruck gibst, wirst du bestimmt nicht von allen geliebt und bewundert. Aber abends im Spiegel schaut dich ein Freund an. Das war für mich der größte Unterschied: Wo früher leere Augen waren, schaut mich heute jemand an, dem ich vertraue.

Warum ich über Blasen nicht urteile

Ich möchte an dieser Stelle etwas dazusagen, weil es mir am Herzen liegt. Solche Blasen gibt es nicht nur bei den Yogis. Ich habe sie in sehr unterschiedlichen Gemeinschaften und Berufsgruppen getroffen. Überall findest du jemanden, der genau deine Meinung bestätigt, und überall fühlt sich das gut an.

Und je mehr wir die Menschen in einer Blase verurteilen, desto mehr schließen wir sie darin ein. Deshalb schaue ich heute ohne Häme auf die Zeit von damals und auf die Menschen, die noch drin sind. Was hilft, ist Begegnung. Ich habe mir angewöhnt, auf Menschen aus ganz anderen Welten zuzugehen und ihnen Fragen zu stellen, die mich wirklich interessieren. Die meisten waren überrascht und sehr erfreut. Endlich fragt mal jemand.

Deine Übung

Denk an einen Ort, an dem du gerade viel Kraft hineingibst. Das kann ein Job sein, eine Gemeinschaft, eine Beziehung oder ein Ehrenamt. Setz dich damit eine Viertelstunde hin, mit Stift und Papier, und stell dir drei Fragen.

Dient es der Manipulation oder der Seele des Einzelnen? Schau dabei nicht auf die Worte, die dort gesprochen werden, schau darauf, was sie mit dir und den anderen machen.

Wer schaut dich abends im Spiegel an? Ein Freund oder leere Augen? Dein Körper weiß die Antwort meistens vor deinem Kopf.

Kannst du mit dieser Entscheidung alt werden? Egal, ob du bleibst oder gehst. Du musst mit dir leben, und das ist der einzige Maßstab, der am Ende zählt.

Du musst danach nichts hinschmeißen. Manchmal reicht es, alles einmal infrage zu stellen und nur das zu behalten, was die Prüfung besteht.

Häufige Fragen

Woran erkenne ich Fremdbestimmung? Daran, dass du Dinge tust, die sich nicht nach dir anfühlen, und dafür gute Erklärungen hast. Fremdbestimmung zeigt sich selten als Zwang. Sie zeigt sich als Zugehörigkeit, als Anerkennung und als das Gefühl, besonders zu sein, solange du mitmachst.

Muss ich alles aufgeben, wenn ich aussteige? Nein. Stell alles infrage und behalte, was der Seele dient. Bei mir war es das Yoga selbst. Ich habe es behalten und alles drumherum neu geprüft.

Was ist der innere Norden? Das Wissen in dir, wohin du gehörst und was zu dir passt. Er zeigt sich oft leise, im Körper, in einem Unbehagen, in einem Blick in den Spiegel. Du stärkst ihn, indem du ihm zuhörst und ihm folgst, auch in kleinen Dingen.

Was ist, wenn ich Angst habe, meine Gemeinschaft zu verlieren? Die Angst ist berechtigt, denn ein Ausstieg kostet etwas. Aber die Menschen, die dich wirklich mögen, bleiben. Und du gewinnst etwas, das keine Gemeinschaft dir geben kann: dass du dir selbst wieder in die Augen schauen kannst.

Wohin das führt

Selbstführung heißt für mich: wahrnehmen, was in dir vorgeht, Verantwortung für deine Reaktion übernehmen und dein System bewusst regulieren. Genau das üben wir am 14. und 15. November in Berlin bei ALIGN DICH, dem Selbstführungs-Wochenende. Zwei Tage Kundalini Yoga, Selbstregulation und Klarheit, geerdet, praktisch, ohne Eso-Schischi. Du gehst als jemand nach Hause, der sich selbst wieder steuern kann.

Und wenn du spürst, dass du dieses Wissen tiefer lernen und weitergeben willst: Alles, was ich aus dieser Zeit mitgenommen habe, teile ich in meiner Kundalini-Yoga-Ausbildung.

Trau dir Großes zu. Glaube an dich und wachse über deine Vorstellungen von dir hinaus.

Sei dein eigener Gamechanger.

Herzlich
Sohan

Foto: Grit Siwonia

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