18.09.2026
9 Minuten
Kundalini Yoga
Wenn du dein Nabelchakra stärken willst, schau auf die Stelle, an der du entscheidest, ob du nickst oder nicht. Mit Bauchmuskeln hat das wenig zu tun. Diese Stelle liegt drei Finger unter dem Nabel, und sie entscheidet eine Sekunde, bevor dein Kopf eine Begründung hat.
Du kennst den Moment. Jemand sagt etwas, und du nickst. Und während du nickst, weißt du genau: Das bin gerade nicht ich. Am Küchentisch, im Meeting, am Telefon. Du sagst Ja, und im Bauch hat vorher schon etwas losgelassen.
Vor ein paar Tagen habe ich über den Hals geschrieben, über die Stelle, an der der Satz fertig ist und nicht herauskommt. Heute geht es ein Stück tiefer. Denn der Hals macht am Ende nur, was weiter unten schon entschieden wurde.
Im Yoga heißt dieser Bereich Manipura, das dritte Chakra. Man kann das so nennen, man muss es nicht. Wichtiger ist, was dort passiert.
Ich erkläre es meinen Schülerinnen mit einem Bild: Der Körper hat drei Segel. Das erste ist der Beckenboden. Das zweite ist das Zwerchfell. Das dritte sitzt oben zwischen Kiefer und Atlas, dem obersten Halswirbel, und ist eher energetisch als ein Muskel. Diese drei Segel trennen drei Ebenen.
Zwischen Beckenboden und Zwerchfell liegt die Ebene, die ich die tierische nenne. Darüber, im Brustraum, die emotionale. Darüber, im Kopf, die mentale. Und der Nabel ist die Stelle, an der die Kraft von der einen Ebene auf die nächste wechselt. Wenn du den Nabel beim Ausatmen nach innen und oben ziehst, bewegt er sich von der tierischen Ebene auf die emotionale. Er trägt die Stärke von unten nach oben, dorthin, wo das sitzt, was du fühlst und sagen willst.
Ist diese Stelle schwach, bleibt alles, was du fühlst, ohne Schutz liegen. Du spürst, was gesagt werden müsste. Es kommt nur nicht an.
Nachgeben ist ein Moment. Du spürst, dass du für dich sprechen müsstest oder für dich aufstehen müsstest, und du gibst nach. Ich sage manchmal: Du winkst es durch.
Manches darf man durchwinken. Das ist Haushalten mit deiner Kraft. Nicht jede Sache ist den Konflikt wert. Aber es gibt die anderen Sachen, und die erkennst du daran, dass es im Bauch zieht, bevor der Kopf etwas dazu sagt. Wenn wir die durchwinken, winken wir uns selbst mit raus. Wir sind uns selbst gegenüber nicht mehr loyal. Wir verlieren uns, ganz still, an einem Küchentisch.
Und ich sage gleich dazu: Du hast nichts falsch gemacht. Nachgeben hat dich irgendwann geschützt. Es hat Ruhe gebracht und Streit erspart. Nur macht der Bauch das inzwischen von allein, auch da, wo du es längst nicht mehr brauchst.
Hier widerspreche ich vielem, was im Yoga gelehrt wird. Die tierische Ebene wird stiefmütterlich behandelt, vernachlässigt, manchmal verurteilt. Zieh die Energie nach oben, heißt es. Der Unterbauch ist das Ego, sei darüber.
Das ist Quatsch. Du brauchst eine starke tierische Ebene, um dich überhaupt da sein zu lassen. Um da zu bleiben, wenn es unbequem wird. Um deinen Herzraum zu schützen. Um dich abzugrenzen. Um sichtbar zu werden. Wer diese Ebene abtrainiert, wundert sich später, warum er sich nicht durchsetzt. Die Kraftquelle ist dann einfach nicht mehr da.
Im Yoga dürfen die drei Ebenen sich gegenseitig schützen und füreinander da sein. Keine steht über der anderen. Und die unterste hat in den letzten Jahrzehnten am wenigsten Wertschätzung bekommen.
Das ist der Teil, den fast niemand erzählt. Wenn du diese Ebene wieder weckst, kommt die Kraft schnell. Ein paar Minuten Beinarbeit, und der Bauch ist wieder da. Und dann passiert etwas, das ich in meinen Stunden immer wieder sehe: Der Körper erschrickt. Wow, so viel Power habe ich. So eine Ressource.
Deshalb baue ich nach jeder kräftigen Übung eine lösende ein. Sie sortiert die Kraft ein, sie entspannt das Becken und den unteren Rücken, sie sagt dem Körper: Das gehört zu dir, du darfst es behalten. Ich nenne das Integration, und in meinem System gehört sie zum Element Äther. Ohne diesen Schritt geht die Kraft am nächsten Tag wieder verloren. Du hast ein klares Nein gesagt, und am Morgen danach ruderst du zurück. Meistens, weil dir niemand gezeigt hat, wie man Kraft behält.
Vier Übungen aus der Stunde, alle ohne Geräte, die ersten drei in Rückenlage. Der untere Rücken bleibt dabei immer am Boden. Wird er hohl, beugst du die Knie. Dein Rücken geht vor.
Kicken mit Zischen. Füße dicht am Po aufgestellt, die Knie über den Füßen. Mit dem Ausatmen kickt ein Bein nach vorne, der Fuß angewinkelt, und du zischst dabei durch die Zähne. Einatmen zurück, anderes Bein. Drei bis vier Minuten, zügig. Das macht Wärme und gibt der tierischen Ebene ihren Platz zurück. Es sieht nicht schön aus, und das ist der Punkt.
Ferse zum Po. Die Knie am Körper, die Hände unter dem Po. Einatmen, ein Bein hoch, Ausatmen, die Ferse schnell zum Po. Im Wechsel, drei Minuten. Das ist die Integration: ein Abklopfen von innen, das den unteren Rücken und das Becken entspannt. Nach jeder kräftigen Übung wiederholen.
Wechselnde Beinheber. Beide Beine gestreckt nach oben. Ein Bein senkt sich Richtung Boden, ohne abzulegen, das andere hebt sich. Drei Minuten im eigenen Atemrhythmus. Der Satz dazu: So eine große Basis hast du. Auf so einem Fundament ruht dein Sein.
Har vom Nabel. Im Sitzen, die Hände offen auf Höhe des Zwerchfells. Mit jedem Har ziehst du den Nabel nach innen und oben, die Handkanten treffen sich unten, dann oben. Har heißt: erschaffe. Ein paar Minuten, und zum ersten Mal an diesem Abend kommt aus dem Nabel etwas heraus, das man hören kann.
Nicht bei Schwangerschaft, in den ersten Tagen der Menstruation, bei akuten Bauchbeschwerden oder frischer Operation. Dann bleibt der lange, tiefe Atem in Rückenlage, mit den Händen auf dem Bauch. Bei hohem Blutdruck ohne Zischen und ohne Atem anhalten.
Wer nach Nabelchakra stärken sucht, landet früher oder später bei Sat Kriya, der bekanntesten Nabelübung im Kundalini Yoga. Sie stand auch auf meinem Plan für diesen Abend. Ich habe sie nicht unterrichtet, zum dritten Mal in Folge.
Sat Kriya führt sehr stark nach oben raus. Das kann genau richtig sein. Mir geht es im Moment um etwas anderes: um Integration. Um die Frage, wie du dich so haushaltest, dass es hier am besten wird, an dem Ort, an dem du gerade bist.
Das Wegschießen nach oben, in der Hoffnung, dass es woanders besser ist, kennen viele von uns gut genug. Deshalb bleibe ich zurzeit unten und lasse die Kraft da, wo sie entsteht.
Was heißt „Nabelchakra stärken“? Gemeint ist, dass der Bereich zwischen Beckenboden und Zwerchfell wieder Kraft hat und diese Kraft nach oben weitergeben kann. Konkret: ein Nabelpunkt, der sich beim Ausatmen bewusst nach innen ziehen lässt, ein Becken, das beweglich ist, ein unterer Rücken, der am Boden bleibt, und die Fähigkeit, in dem Moment zu bleiben, in dem du sonst nickst. Du brauchst dafür keinen Glauben an Chakren, die Übungen wirken über Bauch, Atem und Nervensystem.
Woher weiß ich, ob mein Nabelchakra schwach ist? Typisch ist, dass du im Nachhinein immer weißt, was du hättest sagen sollen, dass du Ja sagst und dich dabei aus dem Gespräch verabschiedest, dass du klare Entscheidungen am nächsten Tag zurücknimmst, und dass Konflikte dich mehr Kraft kosten, als sie dürften. Körperlich oft ein hohler unterer Rücken, ein Becken, das wenig Spielraum hat, und flacher Atem, der im Brustkorb bleibt.
Ist das Nabelchakra dasselbe wie die Körpermitte im Training? Beim Bauchmuskeltraining geht es um Kraft und Form. Hier geht es darum, dass diese Ebene ihre Aufgabe wieder übernimmt: dich schützen, dich abgrenzen, dir Boden geben. Starke Bauchmuskeln helfen dabei nicht automatisch, und ein weicher Bauch ist kein Hindernis.
Wie oft sollte ich üben? Einmal die Woche eine ganze Stunde wirkt mehr als täglich fünf Minuten, weil die Integration Zeit braucht. Wer täglich etwas tun will: drei Minuten Ferse zum Po und danach eine Minute mit den Händen auf dem Bauch atmen.
Was ist der Unterschied zwischen Halschakra und Nabelchakra? Der Hals ist die Engstelle, durch die alles muss, was gesagt werden will. Der Nabel ist die Quelle der Kraft, die es dort durchschiebt. Wer beim Sprechen zumacht, arbeitet oft am falschen Ende der Kette. Mehr dazu im Artikel über das Halschakra.
Was hat das mit dem Nervensystem zu tun? Der Bauchraum ist über den Vagusnerv direkt mit deinem Ruhenervensystem verbunden. Kräftige Bein- und Bauchübungen mit anschließender Lösung bringen dieses System einmal hoch und wieder herunter. Genau dieser Wechsel ist es, der die Kraft am Ende bleiben lässt.
Die ganze Stunde vom Mittwoch liegt als Video in meiner Videothek: 84 Minuten, vom Bauch bis zur stillen Meditation im Rhythmus deines eigenen Pulses.
Wenn du erst einmal ankommen willst: Das Nervensystem-Set ist kostenlos und ein guter Anfang, bevor du an den Nabel gehst.
Und wenn du ein ganzes Wochenende lang üben willst, zu dir zu stehen: Am 14. und 15. November lade ich dich zu ALIGN DICH, dem Selbstführungs-Wochenende, nach Berlin ein. Wenn du das alles auch für andere lernen willst, schau dir meine Kundalini-Yoga-Ausbildung an.
Sei dein eigener Gamechanger.
Herzlich
Sohan
Foto: Grit Siwonia
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